Naidoo schwurbelt wieder: „Die fressen unsere Kinder, das wissen Sie schon?“
Bild-Quelle: Facebook / XavierNaidoo 18.02.2026
Xavier Naidoo ist wieder im öffentlichen Fokus. Der Mannheimer Soulsänger, der Ende 2025 nach einer längeren Bühnenpause mit mehreren ausverkauften Konzerten sein Comeback feierte, sorgte am 17. Februar 2026 vor dem Bundeskanzleramt in Berlin für Irritationen, als er bei einer Kundgebung gegen Kindesmissbrauch öffentliche Aussagen machte, die weit über eine sachliche Debatte hinausgehen. Naidoo nutzte die Veranstaltung – deren öffentliches Thema die sogenannten Epstein-Files waren – für dramatische und stark überzeichnete Beschreibungen potenzieller Täter: „Wir reden von Menschenfressern“, sagte er vor den Teilnehmern. „Nee, die fressen unsere Babys.“ Später ergänzte er mehrfach: „Ich kann nicht mit Kinderfressern zusammenleben“ und sogar: „Ich bin mir sicher, wir haben alle schon Menschenfleisch gegessen, unwissentlich haben wir bestimmt alle schon einen Menschen gefressen.“
Die Kundgebung war angemeldet unter dem Motto „Sexuelle Gewalt an Kindern stoppen“ und bezog sich auf die jüngsten Veröffentlichungen rund um den US-Finanzier Jeffrey Epstein, der jahrzehntelang einen Missbrauchsring betrieb. Die Epstein-Files dokumentieren den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Epstein und Beteiligte. In den veröffentlichten Akten gibt es keine Hinweise auf Kannibalismus oder rituellen Missbrauch, wie sie Naidoo in seinen Aussagen andeutete.
Inszenierung und Narrative
Besonders bemerkenswert an Naidoos Auftritt ist die Art seiner Erzählweise. Anstatt sich auf die Debatte über tatsächliche Verbrechen und institutionelle Verantwortung zu beziehen, überführte er die reale Grundlage der Veranstaltung in ein Bildnetz aus extremen Metaphern: Personen, die in den Epstein-Files genannt werden, seien „Kinderfresser“ und „Dämonen“. In einem Livestream ist zu sehen, wie Naidoo zwischen Teilnehmern steht, Mikrofone in die Kameras spricht und immer wieder Variationen dieser Bilder wiederholt. Die Grenzen zwischen belegbaren Fakten, Bildsprache und spekulativen Narrativen verschwimmen dabei stark.
Diese rhetorischen Figuren sind nicht zufällig. Die Begriffe, die Naidoo wählt, sind stark aufgeladen und haben in verschiedenen Verschwörungs- sowie rechtsextremen Diskursen eine lange Tradition. Sie stehen im Kontext älterer Mythen, in denen Eliten für die schlimmsten Verbrechen verantwortlich gemacht werden – Narrative, die seit Jahrhunderten kursieren und bei bestimmten Anhängerschaften als Bestätigung eigener Vorurteile interpretiert werden.
Naidoo selbst hatte sich während der Corona-Pandemie mehrfach als Anhänger von Verschwörungserzählungen geoutet. 2022 veröffentlichte er ein Video, in dem er erklärte, er habe sich von diesen Narrativen distanziert. Die erneuten extremen Aussagen zeigen jedoch, dass ein wirklicher Bruch bislang nicht stattgefunden hat.
Rechtlich ist Naidoo mehrfach in Berührung mit Ermittlungen gekommen. In der Vergangenheit liefen Verfahren wegen Volksverhetzung, die sich auf frühere Aussagen mit politisch extremen Inhalten beziehen. Diese Verfahren sind noch nicht abgeschlossen. Juristisch bleibt die Frage, inwieweit seine aktuellen Aussagen als zulässige Meinungsäußerung oder als strafrechtlich relevante Hetze einzustufen sind.
Ă–ffentliche Wirkung und Gefahr
Die Resonanz auf Naidoos Aussagen war breit und kontrovers. Medien und Öffentlichkeit berichten über seine Äußerungen als irritierend, kommentieren die extreme Bildsprache und diskutieren die inszenatorische Wirkung. Experten warnen, dass die Nutzung überzeichneter, dramatischer Narrative dazu führen kann, dass die Aufmerksamkeit nicht bei den tatsächlichen Opfern und Tätern liegt, sondern auf den extremen Bildern selbst.
Die Demonstration sollte ursprünglich den Blick auf Opfer sexualisierter Gewalt lenken. Doch durch Naidoos Intervention verschob sich die öffentliche Debatte schnell auf seine Worte: das Bild von „Kinderfressern“, von Dämonen und geheimen Kreisen. Die Empörung und Diskussion über die Aussagen dominieren die Berichterstattung, während strukturelle Fragen, institutionelle Verantwortung und die Täter im Hintergrund kaum Beachtung finden.
Kinderhandel, Organhandel und sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen sind reale, schwerwiegende Probleme, die weltweit existieren. Aber:
Die Wiederkehr Naidoos in diese Rolle zeigt, dass die öffentliche Wahrnehmung oft auf die Dramatisierung einzelner Figuren fokussiert ist. Während Medien und Publikum über provokative Sprache, Bilder und Inszenierung diskutieren, geraten die tatsächlichen Täter von realen Straftaten und systemischen Missständen aus dem Blickfeld. Aufmerksamkeit und Empörung bündeln sich auf das Spektakel einzelner Akteure, während Verantwortliche im Hintergrund weitgehend unbehelligt bleiben. Gerade diese Verschiebung der Aufmerksamkeit macht die Wirkung solcher Narrative gefährlich: Sie lenkt von belegbaren Problemen ab, erzeugt gesellschaftliche Verwirrung und verfestigt die Rolle selbsternannter Weltretter, ohne dass echte Folgen für Täter oder Strukturen sichtbar werden.
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