Wie der Rechtsruck die Gastronomie verunsichert, Personal abschreckt und Investitionen ausbremst
Wer heute ein Restaurant betreibt, braucht keine volkswirtschaftlichen Theorien, um zu verstehen, was auf dem Spiel steht. Ein Blick in die eigene Küche reicht. In der Gastronomie hat mehr als jede zweite beschäftigte Person eine Einwanderungs- oder Migrationsgeschichte, in vielen Betrieben – insbesondere in Küche, Spätschicht und Service – liegt der Anteil deutlich darüber. Diese Zahlen sind kein politisches Argument, sondern betriebliche Realität. Ohne Migration läuft in der Gastronomie nichts. Weder die Grundversorgung im Alltag noch die Vielfalt der Konzepte, weder der Betrieb kleiner Familienrestaurants noch die Skalierung größerer Marken. Die Branche funktioniert, weil Menschen arbeiten, die zugewandert sind oder deren Familiengeschichte nicht in Deutschland begonnen hat.
Diese Abhängigkeit ist strukturell. Der Fachkräftemangel im Gastgewerbe ist seit Jahren bekannt und chronisch. Arbeitszeiten, körperliche Belastung, geringe Margen und hohe Fluktuation machen die Branche für viele unattraktiv. Zuwanderung hat diese Lücke geschlossen – nicht punktuell, sondern dauerhaft. Köchinnen, Servicekräfte, Betriebsleiter, Gründerinnen mit Migrationsgeschichte halten Betriebe offen, sichern Öffnungszeiten und ermöglichen Wachstum. Wo sie fehlen, bleibt die Küche kalt, Ruhetage werden ausgeweitet, Karten verkleinert oder Betriebe ganz geschlossen. Diese Entwicklung ist sichtbar, alltäglich und für niemanden in der Branche überraschend.
Migration ist keine Ergänzung – sie ist Betriebsvoraussetzung
Vor diesem Hintergrund wirken politische Signale besonders stark. Wenn Migration öffentlich als Belastung, als Störung des „Stadtbildes“ oder als kulturelles Risiko verhandelt wird, bleibt das für die Gastronomie nicht abstrakt. Es trifft die Belegschaft direkt. Es trifft Betreiberinnen und Betreiber, deren Teams genau aus den Gruppen bestehen, die politisch problematisiert werden. Der Rechtsruck ist hier kein theoretisches Szenario, sondern ein praktisches Risiko. Branchenvertreter warnen seit Langem davor, dass ohne Zuwanderung ganze Teile des Gastgewerbes nicht mehr arbeitsfähig wären. Nicht in ferner Zukunft, sondern bereits jetzt.
Rechtspopulistische Erfolge verändern Erwartungshorizonte. Sie werfen Fragen auf, bevor Gesetze geändert werden. Bleiben Aufenthaltsrechte stabil. Wird Integration weiter ermöglicht. Wie verlässlich ist die politische Richtung. Für internationale Fachkräfte sind das entscheidende Faktoren. Wer sich zwischen Ländern entscheiden kann, entscheidet sich gegen Regionen, in denen Ausgrenzung normalisiert wird. In der Gastronomie, die ohnehin um Personal konkurriert, zeigt sich das unmittelbar. Bewerbungen bleiben aus. Wechselwillige meiden bestimmte Städte oder Bundesländer. Betriebe verlieren nicht nur Mitarbeitende, sondern Planungssicherheit.
Besonders sensibel reagieren Betreiberinnen und Betreiber mit Migrationsgeschichte. Viele von ihnen haben in den vergangenen Jahren investiert, neue Läden eröffnet, Konzepte aufgebaut oder Franchisemodelle entwickelt. Diese Entscheidungen binden Kapital langfristig. Sie hängen an Mietverträgen, Krediten und an der Erwartung, auch in fünf oder zehn Jahren noch willkommen zu sein. Genau hier setzt die Verunsicherung an. In Gesprächen, in Verbandsrunden und in informellen Netzwerken wird zunehmend davon berichtet, dass Renovierungen verschoben, Neueröffnungen vertagt oder Expansionspläne ganz aufgegeben werden. Nicht, weil sich die Rechnung kurzfristig nicht mehr trägt, sondern weil die langfristige Sicherheit fehlt.
Dieser Rückzug ist leise. Er taucht in keiner Statistik als Abwanderung auf. Er zeigt sich im Unterlassen. Der zweite Standort kommt nicht. Das leerstehende Lokal bleibt leer. Der Franchisevertrag wird nicht unterschrieben. Kapital bleibt gebunden oder wird in andere Länder investiert, in denen politische Richtung und gesellschaftliches Klima als berechenbarer gelten. Für die Branche bedeutet das weniger Innovation, weniger Vielfalt und weniger Stabilität.
Diese Entwicklung trifft auf eine ohnehin angespannte Lage. Hohe Energiepreise, steigende Mieten, knappe Margen und Personalmangel setzen die Gastronomie massiv unter Druck. In diesem Umfeld wirkt politische Verunsicherung nicht als alleinige Ursache, sondern als zusätzlicher Belastungsfaktor. Wer ohnehin jeden Monat kalkuliert, ob der Betrieb trägt, geht keine zusätzlichen Risiken ein. Der Rechtsruck erhöht dieses Risiko, ohne einen einzigen betriebswirtschaftlichen Vorteil zu schaffen.
Dabei ist die Gastronomie selbst das Gegenmodell zu genau dieser politischen Logik. Restaurants, Bars und Cafés sind offene Räume. Sie funktionieren über Zusammenarbeit, über Vielfalt, über alltägliche Begegnung. Kaum eine Branche organisiert Zugehörigkeit so praktisch wie diese. Wenn dieses Fundament politisch infrage gestellt wird, beschädigt das nicht nur einzelne Betriebe, sondern die soziale Infrastruktur ganzer Städte.
Die Erzählung, Migration schade der Gastronomie, kehrt Ursache und Wirkung um. Belastbar ist das Gegenteil. Ohne Migration bleibt die Küche kalt. Ohne Migration bricht der Service weg. Ohne Migration fehlt der Mut, neue Konzepte zu wagen. Der wirtschaftliche Schaden entsteht nicht durch Zuwanderung, sondern durch ein Klima, das sie delegitimiert.
Rechte Politik hat historisch selten nachhaltiges Wachstum erzeugt. In den Fällen, in denen sie politische Leitlinie wurde, folgte häufig wirtschaftlicher Rückbau. In der Gastronomie zeigt sich das besonders früh: Personal bleibt aus, Investitionen versanden, Vielfalt verschwindet. Hass und Rassismus haben keinen Betrieb gerettet. Sie haben aber viele geschwächt.
Die Gastronomie lebt von Vertrauen. Vom Vertrauen, hier arbeiten zu können. Vom Vertrauen, hier investieren zu dürfen. Vom Vertrauen, hier bleiben zu wollen. Wer dieses Vertrauen zerstört, zerstört mehr als eine Branche. Er zerstört Orte, an denen Gesellschaft täglich funktioniert.
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