1.262 Insolvenzen: Gastgewerbe im Jahresvergleich deutlich angestiegen
Im Zeitraum vom 12. Januar bis zum 11. Februar 2026 wurden 1.070 Insolvenzverfahren im Gastgewerbe eröffnet, ein Anstieg von knapp 67 % gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Allein im letzten Monat dieses Zeitraums sind 136 neue Verfahren hinzugekommen, davon 114 in Restaurants, Bars, Cafés, Catering und Imbissen. Die Beherbergungsbranche ist nur in rund 16 % der Fälle betroffen.
Die Zahlen zeichnen ein klares Bild: Die Gastronomie steht unter erheblichem Druck, während andere Wirtschaftszweige vergleichsweise stabile Insolvenzzahlen aufweisen. Besonders betroffen sind kleine und Kleinstbetriebe. Rund 85 % der betroffenen Unternehmen beschäftigen weniger als 50 Mitarbeiter, ein hoher Anteil sogar unter 10.
Diese Entwicklung markiert keinen plötzlichen Einbruch, sondern eine Beschleunigung bereits bestehender Spannungen. Die enge Kalkulationsbasis vieler Betriebe macht sie besonders empfindlich gegenüber steigenden Fixkosten und sinkender Auslastung.
Kosten, Nachfrage und strukturelle Belastungen
Die ökonomische Lage der Gastronomie ist durch mehrere Faktoren gleichzeitig belastet: Energie- und Lebensmittelpreise liegen weiterhin über dem Niveau vor der Pandemie, Personalaufwendungen steigen durch Mindestlohnerhöhungen und Tarifabschlüsse, und Rückzahlungen von früheren Krediten belasten die Liquidität.
Die steuerliche Entlastung durch den reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Speisen ab Januar 2026 wirkt in der Praxis nur begrenzt, da andere Kostenblöcke weiterhin wachsen. Viele Betriebe planen Preiserhöhungen oder Personalreduktionen, um ihre Kalkulationen zu stabilisieren.
Zugleich verändert sich die Nachfrage. Konsumenten entscheiden selektiver, Restaurantbesuche werden gezielter geplant, spontane Besuche nehmen ab. Betriebe mit klaren Konzepten, starkem Profil oder Premiumpositionierung behaupten sich stabiler, während mittelpreisige oder wenig differenzierte Angebote besonders anfällig sind.
Regionale Muster und Betriebsstruktur
Die Insolvenzen sind regional ungleich verteilt. Berlin verzeichnet die meisten Gastronomie-Fälle, gefolgt von Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. In diesen Regionen ist die Dichte an gastronomischen Betrieben hoch, der Wettbewerbsdruck besonders stark.
Strukturell spielen Gesellschaften mit beschränkter Haftung mit niedrigem Stammkapital eine wichtige Rolle. Diese Kleinstunternehmen verfügen über geringe finanzielle Reserven und geraten schneller in Schwierigkeiten, wenn Umsätze unter einen kritischen Wert fallen. Die Kombination aus kleiner Größe, hoher Fixkostenbelastung und regionalem Wettbewerbsdruck erklärt die Häufung der Insolvenzen.
Restaurantsterben und Marktverschiebungen
Die Insolvenzen zeigen sich nicht nur in der Statistik. In den Innenstädten prägen Betreiberwechsel, verkürzte Mietverträge und temporäre Leerstände das Bild. Vermieter reagieren mit flexibleren Modellen, gleichzeitig steigen die Nebenkosten vielerorts. Traditionsbetriebe verschwinden, neue Konzepte entstehen. Oft handelt es sich dabei um standardisierte Angebote mit klar kalkulierten Abläufen und strenger Kostenkontrolle.
Die Marktbereinigung betrifft vor allem Betriebe mit minimaler Rendite, die auf unerwartete Kostensteigerungen oder Nachfragerückgänge besonders sensibel reagieren. Parallel entstehen neue Geschäftsmodelle: reduzierte Speisekarten, Kernprodukte statt breiter Menüvielfalt, hybride Konzepte zwischen Gastronomie und Handel sowie digitale Plattformen für Lieferung und Reservierung. Diese Entwicklungen sind Teil einer reaktiven Anpassungsstrategie.
Anpassung und Zukunft der Branche
Die Insolvenzen der ersten Wochen 2026 markieren nicht das Ende der Gastronomie, sondern den Beginn einer Phase intensiver struktureller Anpassung. Betriebe, die vorher bereits an der Margengrenze operierten, müssen Geschäftsmodelle, Preispunkte und Personalstrukturen überdenken.
Für Beschäftigte bedeutet dies größere Unsicherheit und häufigere Wechsel. Für Gäste verändert sich die Auswahl: Traditionsbetriebe sind gefährdeter als standardisierte, wirtschaftlich robuste Konzepte. Eigentümer von Gewerbeimmobilien stellen ihre Risikoaussichten neu ein, Lieferanten passen Forderungsmanagement und Verträge an.
Die Gastronomie bleibt kulturell und sozial ein zentraler Bestandteil urbaner Räume, doch ökonomische Rahmenbedingungen treiben die Professionalisierung voran. Höhere Eintrittsbarrieren, komplexere Regulierungen und intensiver Wettbewerb führen zu einer Verschiebung von kleinteiliger Improvisation hin zu betriebswirtschaftlich durchdachten Modellen. Die Insolvenzen der ersten Monate 2026 markieren den Auftakt zu einer neuen Marktordnung, in der sich die Branche zwischen Stabilisierung, Innovation und Bereinigung bewegt.
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