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Von "Ekel Alfred", "Ausländer" und ihren "komischen Gerichten"

Der muffige Stammtisch und die neue Fremdheit

Samstagabend, ARD, Anfang der 1970er Jahre: Heinz Schubert donnert als Alfred Tetzlaff, besser bekannt als „Ekel Alfred“, über die Bildschirme. Ein Mann, der sich festklammert an dem, was er kennt: Schweinebraten, Kartoffeln, Bier. Es war Schuberts geniale, fast schon chirurgische Schauspielkunst, die diesen deutschen Kleinbürger so schmerzhaft präzise entlarvte. Für Alfred war der Italiener an der Ecke bestenfalls verdächtig, schlimmstenfalls eine Bedrohung. Pizza? „Fladen mit Käse und Tomatenmatsche.“ Döner? „Was soll das für’n Fraß sein?“ – so hätte er wohl geschnauft, während er wütend an seiner Goldkrone nippte.

Doch während Alfred im Fernsehwohnzimmer gegen die Veränderungen wetterte, passierte draußen genau das: Deutschland aß sich langsam hinaus aus seiner Enge. Während in den 1950er Jahren im Wirtshaus Bratkartoffeln dampften und Apfelkuchen auf dem Fensterbrett abkühlte, veränderte sich in den 1960ern still und unspektakulär etwas Grundlegendes. Die ersten Pizzerien öffneten, griechische Tavernen hielten Einzug in die Kleinstadt-Tristesse, türkische Imbisse ließen den Döner rotieren. Für eine Gesellschaft, die Jahrzehnte zuvor noch im Mangel kochte, war das ein gewaltiger, fast schon subversiver Umbruch.

Interessant ist: Die Abneigung, die Alfred verkörperte, war nicht erfunden. Zeitungen titelten in den 1960er Jahren tatsächlich skeptisch über „fremde Speisen“. Wer nach Knoblauch roch, war gesellschaftlich verdächtig „griechisch angehaucht“, und Türken wurden als „Knoblauch- oder Kümmeltürken“ beschimpft. Das alles warst du, Deutschland. Es war ein tiefsitzendes Misstrauen gegen alles, was nicht nach deutscher Hausmannskost roch. Und dennoch: Die Neugier gewann. Der Geschmack der Fremde kroch unter die Haut – und blieb.

Gastarbeiter, Gastronomen, Gamechanger

Die sogenannte Gastarbeitergeneration kam nicht als kulinarisches Projekt. Italiener, Griechen und Türken wurden angeworben, um Fabriken am Laufen zu halten. Doch in ihren Koffern reisten Zutaten, Gewürze und Traditionen mit, die in deutschen Supermärkten bis dahin undenkbar waren: Knoblauchzehen in Netzen, Olivenöl in großen Kanistern, scharfes Paprikapulver aus Anatolien.

Ein Restaurantbesuch wurde plötzlich zur Abenteuerreise. Wer sich in den 1970ern zum Italiener traute, erlebte nicht nur Spaghetti Bolognese, sondern eine neue Form von Geselligkeit. Der Wirt saß manchmal selbst mit am Tisch, die Tischdecke war kariert, der Wein kam aus dem Fass. Es roch nach etwas, das eben nicht nach schwerer Bratensoße roch. Das irritierte – und begeisterte.

Viele dieser Pioniere hatten es nicht leicht. In alten Berichten finden sich Geschichten von Anfeindungen und Schikanen durch Behörden. Doch gleichzeitig bildeten sich Stammkundschaften, die die neue Küche als Brücke schätzten. Essen wurde zum ersten informellen Integrationskurs. „Der Wirt war Türke, aber der Mensch, der mir den Raki brachte, war mein Gastgeber“, erinnert sich ein Münchner Zeitzeuge. „Da vergaß man die Schlagzeilen.“

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Frau Weidel und ihr Schnitzel – "Sie" nehmen ihr alles Gute Deutsche Essen weg!

Besonders der Döner wurde zur Ikone. Ob Kadir Nurman 1972 in Berlin wirklich den allerersten verkaufte, bleibt Legende – fest steht: Der Spieß wurde zum meistverkauften Fast-Food-Gericht Deutschlands. Über 18.000 Dönerbuden sind heute mehr als nur Hungerlöser; sie sind Symbole einer gelebten Alltagskultur.

Von Sushi bis Superfood – Das Lifestyle-Essen von heute

Springen wir in die Gegenwart: Wer heute durch Berlin-Neukölln oder Köln-Ehrenfeld läuft, stolpert über eine Vielfalt, die Alfred Tetzlaff schlicht den Atem verschlagen hätte. Sushi-Bars neben vietnamesischen Pho-Küchen, Craft-Beer-Bars neben veganen Bowls. Auf Food-Markets gibt es Kimchi neben Pastrami, Bao Buns neben Schwarzwälder Kirschtorte.

Doch der Kontext hat sich verschoben: Weg von der "exotischen Nische" hin zum durchgestylten Lifestyle-Erlebnis. Essen ist heute ein kultureller Marker. Wer im Naturwein-Bistro sitzt oder fermentiertes Gemüse fachkundig kommentiert, signalisiert Weltoffenheit und Status.

Dabei ist eine interessante Ironie zu beobachten: Viele Konzepte bedienen sich heute genau der Rezepte, die einst als „Arme-Leute-Essen“ von Gastarbeitern belächelt wurden. Heute werden sie unter dem Label „Authentic Streetfood“ gefeiert. Dass ein Edel-Döner im Szene-Restaurant 18 Euro kostet, während die Bude am Kiosk ums Überleben kämpft, zeigt jedoch auch die neue gesellschaftliche Schieflage. Der einstige "fremde Fraß" ist im High-End-Markt angekommen, doch die soziale Anerkennung derer, die ihn brachten, bleibt oft auf der Strecke.

Warum Ekel Alfred heute wieder relevant ist

Alfred Tetzlaff war eine Figur, die man liebte zu hassen. Er war ein Spiegel seiner Zeit: das verzweifelte Festhalten an einer vermeintlich heilen Heimat, das Misstrauen gegenüber allem Neuen. Und genau deshalb bleibt er eine Referenz. Denn während wir uns an Sushi und Falafel gewöhnt haben, bleiben die tieferen Fragen: Wer darf mitgestalten? Wer profitiert vom Hype?

Vielleicht hätte Alfred den Döner am Ende doch heimlich gegessen. Vielleicht hätte er gemeckert, geschimpft und über die „Kümmeltürken“ gewettert – nur um dann festzustellen, dass es verdammt gut schmeckt. Weil Veränderung manchmal eben nicht aufzuhalten ist. Weil Geschmack am Ende stärker ist als jede Ideologie.

Der kulinarische Wandel Deutschlands ist eine Gesellschaftsgeschichte voller Missverständnisse und Annäherungen. Er zeigt, dass Vielfalt auf dem Teller oft der erste notwendige Schritt zu mehr Vielfalt im Kopf war. Heinz Schubert hätte an dieser Entwicklung sicher seine Freude gehabt – auch wenn er als Alfred das Gesicht verzogen hätte.