Jetzt gehen Influencer fĂĽr Reichweite und Klicks so weit, bis jemand stirbt
Im August 2025 stirbt in Frankreich ein Mann vor laufender Kamera. Über längere Zeit wird er gedemütigt, am Schlaf gehindert, unter Druck gesetzt. Zuschauer sehen zu, kommentieren, spenden. Der Stream läuft weiter. Erst als Raphaël Graven, im Netz bekannt als Jean Pormanove, im Schlaf stirbt, endet die Übertragung. Der Tod ist kein Unfall im Hintergrund eines Videos. Er ist Teil eines Livestreams, produziert für Aufmerksamkeit.
An dem Format beteiligt sind Owen Cenazendotti und Safine Hamadi, zwei Männer, die von dieser Art Inhalte leben. Eskalation gehört zum Konzept. Gewalt ist kein Ausrutscher, sondern Bestandteil der Inszenierung. Der Tod ist nicht geplant, aber die Situation, in der er möglich wird, entsteht aus genau dieser Logik. Alles geschieht öffentlich. Alles geschieht live. Niemand greift ein.
Juristisch ist der Fall komplex. Ermittlungen laufen, bislang gibt es keinen klaren Nachweis direkten Fremdverschuldens. Aussagen der Beteiligten sprechen von Einverständnis, auch aus dem familiären Umfeld gibt es Verteidigung. Inhaltlich ist der Fall dennoch schwer zu relativieren. Ein Mensch ist gestorben, während andere zusahen. Zur Unterhaltung.
Die französische Digitalministerin spricht von einem „absoluten Horror“. Die Staatsanwaltschaft in Nizza nimmt Cenazendotti und Hamadi in Gewahrsam. Die Vorwürfe reichen von Körperverletzung über Misshandlung einer schutzbedürftigen Person bis zur Verbreitung von Gewaltdarstellungen. Auch die Streaming-Plattform Kick rückt in den Fokus der Ermittler. Haftbefehle gegen Betreiber werden beantragt, es geht um mögliche finanzielle Verstrickungen und mangelnde Kontrolle. Juristisch ist der Fall offen. Inhaltlich ist er es längst.
Aufmerksamkeit als Druckmaschine
Das Internet ist voller Emotionen. Bilder, Stimmen, Reaktionen drängen sich übereinander, jederzeit abrufbar und austauschbar. Was Aufmerksamkeit erzeugt, wird kopiert. Was kopiert wird, nutzt sich ab. Aufmerksamkeit hält immer kürzer.
Für Influencer ist das kein abstrakter Zustand, sondern ökonomischer Alltag. Reichweite entscheidet über Werbepartner, Einnahmen, Relevanz. Wer an Sichtbarkeit verliert, verliert Handlungsspielraum. In diesem Druck verschiebt sich der Fokus. Nicht die Idee steht am Anfang, sondern die Frage, was noch wirkt. Der Effekt zählt mehr als der Gedanke dahinter. Die Suche nach Neuem wird zur Suche nach dem Nächsten.
Ein Prank-Format funktioniert, kurze Zeit später taucht es in zahllosen Variationen auf, lauter, näher, riskanter. Wer später einsteigt, muss überziehen, um noch wahrgenommen zu werden. Ein Shitstorm und ein Hype sehen in der Statistik gleich aus. Zustimmung und Ablehnung sind gleichwertig. Aufmerksamkeit bleibt Aufmerksamkeit.
In dieser Logik wird der öffentliche Raum zur Ressource. Studios liefern kaum noch Reibung. Draußen entstehen unkontrollierte Situationen, echte Reaktionen, echte Risiken. Wer dort filmt, greift ein. Menschen werden Teil eines Clips, ohne gefragt worden zu sein. Für sie ist es ein Moment im Alltag. Für das Internet Material.
Zwei Jugendliche sitzen im Bus, ein Ringlicht auf dem Schoß, das Handy geht hoch. Eine Frau dreht den Kopf weg. Der Clip läuft trotzdem. Für sie war es eine Busfahrt. Für das Publikum ein kurzer Ausschnitt, der kommentiert, geteilt, vergessen wird.
Je häufiger solche Szenen auftauchen, desto weniger fallen sie auf. Unterhaltung verschiebt sich aus der Distanz in die Nähe. Reale Menschen werden Teil von Inhalten, ohne Kontrolle über Darstellung oder Kontext. Verantwortung zerfällt. Menschen lachen dort, wo andere sichtbar überfordert sind. Andere müssen leiden, damit Unterhaltung funktioniert. Das ist keine bewusste Grausamkeit. Es ist Gewöhnung.
Rechtliche Grenzen bremsen diese Dynamik. Hausrecht, Persönlichkeitsrecht, Amtsschutz, Verkehrsregeln verlangen Abwägung und Zurückhaltung. Genau das macht sie unattraktiv für Content-Produktion. In TV-Redaktionen und Redaktionskonferenzen wurden solche Fragen früher diskutiert, Beiträge gestoppt, Bilder nicht gezeigt. Diese Zwischenstufen fehlen heute oft. Entscheidung, Aufnahme, Schnitt und Veröffentlichung liegen in einer Hand. Was funktioniert, bleibt. Mit jedem Clip rutscht die Schwelle ein Stück weiter.
Internationale Fälle zeigen das Muster deutlich. Der US-YouTuber Mykhailo Polyakov betritt illegal North Sentinel Island, obwohl das Betreten zum Schutz der dort lebenden Sentinelese nach indischem Recht strikt verboten ist. Er filmt den Aufenthalt, wird festgenommen. Das Verbot ist Teil des Reizes. Jack Doherty blockiert für einen Dreh den Verkehr in Miami Beach, wird verhaftet. Die Polizei veröffentlicht später Bodycam-Aufnahmen. Der Staat wird selbst Teil der medialen Verwertung. Diese Fälle sind nicht nur Randnotizen, sondern zugespitzte Beispiele für eine breite Logik.
Deutschland: Grenztests ohne Blut, aber mit Folgen
In Deutschland verläuft diese Entwicklung leiser. Keine Livestream-Tode, keine internationalen Schlagzeilen. Stattdessen Ermittlungsakten, Nachforderungen, Verfahren. Steuerfahnder werten Plattformdaten aus, prüfen Werbeverträge, Zahlungsströme, Profile. Tausende Influencer stehen im Fokus. Grundlage sind Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung nach § 370 AO. Reichweite wird hier nicht bewertet, sondern besteuert.
Daneben geraten andere Grenzbereiche in den Blick. Influencer geben sich als Kontrolleure aus, betreten Küchen, filmen Betriebe. Anzeigen wegen Amtsanmaßung nach § 132 StGB folgen. Für die Betroffenen geht es um Ruf und Existenz. Für das Publikum um Unterhaltung. Das Internet nennt es Content. Die Strafakte nennt es Tat.
Parallel existiert ein Influencer-Typus, der Provokation zur Rolle macht. Laut, konfrontativ, bewusst grenzwertig. Regelbruch wird als Authentizität inszeniert, Kritik als Beweis für Relevanz. Figuren wie Langlebepapa stehen sinnbildlich für diese Spielart – nicht als strafrechtlicher Vorwurf, sondern als öffentliches Rollenbild. Gegen ihn liefen Ermittlungen, es kam zu Durchsuchungen; Details bleiben Teil laufender Verfahren. Der Reiz entsteht aus dem Testen von Reaktionen, aus dem Spiel mit Empörung, aus der Bereitschaft, soziale Grenzen zu verschieben. Solange Aufmerksamkeit entsteht, funktioniert das Modell. Konsequenzen kommen spät, wenn überhaupt.
Der Tod von Jean Pormanove ist kein isolierter Unfall. Er zeigt, wohin diese Logik führen kann, wenn sie nicht gebremst wird. Unterhaltungsgeschichte kennt diese Bewegung. Wenn Reize ihre Wirkung verlieren, wird der Einsatz erhöht. Running Man galt lange als dystopische Überzeichnung. Heute wirkt es weniger fern. Noch werden keine Menschen erschossen, um Klicks zu generieren. Aber Menschen werden bloßgestellt, bedrängt, in Ausnahmesituationen gefilmt. Und das Publikum schaut zu.
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